INTERVIEW zu ›Blinde Flecken‹

Sie haben bisher fast ausschließlich fürs Fernsehen gearbeitet, für den Tatort oder den Polizeiruf 110 etwa – wie kamen Sie dazu, einen Kriminalroman zu schreiben?

Ich bin gelernter Drehbuchautor, das stimmt. Deshalb habe ich, als der dtv-Verleger Wolfgang Balk mich eingeladen hat, für ihn einen Krimi zu schreiben, erst auch gezögert.

Ist der Unterschied zwischen einem Drehbuch und einem Buchkrimi denn so groß?

Inhaltlich sicher nicht. Die meisten Tatorte erzählen spannende Geschichten, die etwas mit unserer sozialen Wirklichkeit zu tun haben. Aber Drehbücher arbeiten natürlich vor allem mit dem Dialog, während die genaue Beschreibung der Atmosphäre oder gar die Innenwelt einer Figur meistens keine große Rolle spielen. Gerade das und die Chance, meinen eigenen Ermittler zu erfinden, waren für mich bei den „Blinden Flecken“ ein großer Reiz.

Sie schreiben aber nicht zum ersten Mal Prosa?

Stimmt, ich habe zusammen mit meiner Frau „Taco und Kaninchen“, eine Krimi-Reihe für Kinder, veröffentlicht.

Die „Blinden Flecken“ gehen ja ziemlich heftig los. Ein junger Mann fährt mit seinem Geländewagen absichtlich in eine Gruppe Jugendlicher.

In eine Gruppe jüdischer Jugendlicher, genau gesagt.

Sie haben versucht, sich in die Gedanken eines jungen Neonazis hineinzuversetzen?

Das war eine echte Herausforderung, obwohl ich es durchs Drehbuchschreiben gewohnt bin, mich auch in die Gedankengänge der übelsten Mörder hineinzuversetzen. Zum Neonazi wird Tim Burger übrigens erst im Knast, aber schon sein Amoklauf speist sich aus einem diffusen Hass gegen alles Jüdische.

Ihr Ermittler, Anton Schwarz, ist auch Jude.

Das ist die Frage. Kann jemand, der in dem Bewusstsein aufgewachsen ist, seine Mutter sei eine Vertriebene aus dem Egerland, überhaupt ein Jude sein? Schwarz kennt weder jüdische Traditionen, noch die Religion. Als er endlich von der wahren Herkunft seiner Mutter erfährt, will er natürlich mehr über ihre Geschichte und das Jüdische an sich erfahren. Vielleicht kann man sagen, er ist als Jude noch ein Anfänger.

Wie die meisten Leser. Wie kommt es bei Ihnen zu diesem Interesse?

Ich stamme aus einer bayerischen, sehr katholischen Familie. Mein Vater war über achtzig, als er zum ersten Mal ausführlicher über seine Erfahrungen während der Nazizeit gesprochen hat, über seinen von ihm selbst provozierten Ausschluss aus der Hitlerjugend und über seine jüdische Tante und deren Tochter, die von München nach Kaunas deportiert und dort ermordet worden. Damit hat er nicht nur bei mir, sondern letztlich auch bei meiner Frau eine Spurensuche ausgelöst. Gemeinsam haben wir über Jahre hinweg die Geschichte des jüdischen Teils der Familie Fried recherchiert. Aus dieser Arbeit ist dann das Buch meiner Frau, „Schuhhaus Pallas – wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte“, entstanden.

Ihre Frau, Amelie Fried, spielt in Ihrer Arbeit offensichtlich eine wichtige Rolle. Sie leben mit ihr und den gemeinsamen Kindern in einem oberbayerischen Dorf. Das hört sich nach intakter Welt an. Ihr sympathischer Privatermittler Anton Schwarz hingegen ist eine ziemlich verkrachte Existenz.

Ich bilde in dem Krimi auch nicht mein Leben ab. Eher schon eine Möglichkeit meiner Biographie, zu der es durch einige Glücksfälle nicht gekommen ist. Ich kann mir aber gut vorstellen, wie einer wie Schwarz, der auch noch so alt ist wie ich, lebt und empfindet. Ich kenne aus meiner Zeit als Single die einsamen, nächtlichen Wanderungen durch die Stadt und eine wilde Sehnsucht, endlich nicht mehr allein zu sein. Und wenn es bei uns daheim mal wieder sehr turbulent zugeht, wünsche ich mir manchmal, ich könnte wie mein Ermittler morgens allein mein Frühstück genießen und in Ruhe die Zeitung lesen. Ich würde mir sicher schnell ein paar Marotten zulegen wie Anton Schwarz.

Ein Großteil der Handlung spielt entlang der Landsberger Straße in München. Trotzdem frage ich mich, ob „Blinde Flecken“ ein Heimatkrimi ist?


Ich kenne den Münchner Westen gut, weil ich dort aufgewachsen und zur Schule gegangen bin. Meine Eltern haben ihr Leben lang an der Landsberger Straße gearbeitet und gern betont, dass sie nicht im Rotlichtmilieu tätig sind – in München ist die Landsberger ja hauptsächlich wegen ihres Straßenstrichs bekannt. Trotzdem wollte ich diese Gegend nicht einfach abbilden und habe oft aus zwei Orten einen gemacht oder bestimmte Plätze aus anderen Stadtvierteln in den Münchner Westen verlegt. So sollte ein Raum für meinen Krimi entstehen, der authen-tisch, aber auch in anderen Städten vorstellbar ist, eine Straße und eine Gegend, die etwas vom wirklichen Leben erzählen und die man trotz aller Hässlichkeit lieb gewinnen kann.

Für einen Heimatkrimi bemüht „Blinde Flecken“ auch die üblichen Bayernklischees zu wenig.

Ein Ermittler in kurzen Lederhosen wäre tatsächlich ein anderes Genre. Ehrlich gesagt, ist mir mancher Heimatkrimi auch zu harmlos. Trotzdem gibt es in den „Blinden Flecken“ etwas sehr Bayerisches. Es ist das Dickschädlige und Querdenkerische, das ich an meiner Heimat sehr mag.

Wie geht es jetzt weiter? Hören Sie als Drehbuchautor auf?

Ganz bestimmt nicht. Ich schreibe gerade an einem Tatort für die Münchner Kommissare und bin sehr froh, dass ich in einem Bereich des Fernsehens arbeiten kann, in dem wirklich noch Inhalte zählen und auch heiße Eisen angepackt werden. Aber auch mit Anton Schwarz wird es weiter gehen. „Blinde Flecken“ ist der Auftakt einer Reihe mit Schwarz-Krimis, der zweite Roman ist in der Rohfassung fertig und ich glaube, er kann genauso unterhaltsam und spannend werden wie die „Blinden Flecken“.