INTERVIEW zu ›Im Namen des Kreuzes‹

Nach dem Neonazi-Netzwerk in ›Blinde Flecken‹ und den Machenschaften bei der Bahn in ›Personenschaden‹ widmet Ihr dritter Roman aus der Reihe ‹Schwarz ermittelt‹ sich dem Milieu der katholischen Kirche. Ihr Neonazi-Krimi war, wie wir jetzt erleben, seiner Zeit voraus. Hinken Sie mit ›Im Namen des Kreuzes‹ den Ereignissen nicht etwas hinterher?

Das Konzept für die Reihe und auch den dritten Band stand, lange bevor das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche von den Medien aufgegriffen wurde. Nachdem man eine Weile fast jeden Tag darüber in den Zeitungen lesen konnte, habe ich mir tatsächlich überlegt, ob jetzt der richtige Zeitpunkt für meine Geschichte ist. Ich glaube, es gibt keinen besseren. Die Medien haben die Aufmerksamkeit für das Thema geschärft und von Kirchenvertretern häufig geäußerte Zweifel an bestimmten Tatbeständen widerlegt. Nun kann ein Kriminalroman die Welt, in der solche Taten möglich waren und sind, mit deutlich weniger Tabus beschreiben und in ihr eine realistische und deswegen umso spannendere Geschichte entfalten.

Die katholische Kirche wird trotzdem nicht erfreut sein.

Das kommt ganz darauf an. Die katholische Kirche ist ja keine homogene Gruppe. Es gibt sicher einige Funktionäre, die in meinem Krimi Tabubrüche entdecken werden. Sie verstehen ihre Kirche immer noch als eine Art Wagenburg, in der man sich vor der feindseligen Welt verschanzen muss. Ich weiß aber auch von vielen Gläubigen, die in der Debatte um den Missbrauch eine große Chance auf Veränderung sehen. Sie wünschen sich, dass die krassen Widersprüche zwischen Sexuallehre und Lebenspraxis endlich offen angesprochen werden.

Können Sie Beispiele nennen?

Die hohe Zahl homosexueller Priester zum Beispiel. Es gibt wohl wenige Berufsgruppen, in denen Schwule so stark vertreten sind. Aber darüber wird kaum gesprochen. Und dann nennt der Papst Homosexualität auch noch eine »Zerstörung von Gottes Werk«. Durch meine Recherche weiß ich von Priestern, die im Rotlicht-Milieu unterwegs sind, um ihre Sexualität ausleben zu können. Viele haben langjährige Beziehungen mit Männern. Und am Sonntag stehen sie dann wieder auf der Kanzel und müssen predigen, dass Homosexualität Sünde sei.

Was würde denn passieren, wenn sie sich offen zu ihrer Veranlagung bekennen würden?

Sie könnten nicht weiter als Pfarrer arbeiten. Wenn aber die berufliche und soziale Existenz auf dem Spiel steht, braucht es sehr viel Mut oder eine verzweifelte Entschlossenheit, um sich zu outen. Natürlich weiß oder ahnt man in vielen Gemeinden, dass der Pfarrer schwul ist. So lange er sich nicht dazu bekennt, passiert ihm auch nichts. Aber wie soll so jemand zum Beispiel für einen jungen Mann Seelsorger sein, der in einer schweren Identitätskrise steckt, weil er seine homosexuellen Neigungen entdeckt hat?

Anton Schwarz ermittelt diesmal im Auftrag einer Mutter, die annimmt, ihr Sohn habe deshalb Selbstmord begangen, weil er vom Gemeindepfarrer missbraucht wurde.

Sie zieht ihren Auftrag aber sofort zurück, als sie begreift, dass hinter der Tragödie um ihren Sohn eine ganz andere, viel größere Geschichte steht. Natürlich macht mein Ermittler trotzdem weiter. Ihn interessieren ja besonders die Fälle, die andere für gelöst oder unlösbar halten.

Schwarz kommt einem dubiosen traditionalistischen Orden auf die Spur. Ist der erfunden oder gibt es so was wirklich?

Das ist leider ziemlich nahe an der Realität. Ich habe nur die Namen und Orte geändert und aus meinen Recherchen über eine Reihe katholischer Geheimbünde und Orden meine »Sancta militia Jesu« gebaut. Diese Gemeinschaften stehen meiner Ansicht nach eindeutig außerhalb unserer Verfassung und betrachten Pressefreiheit und Demokratie als Feinde der Kirche Gottes.

Ihre Schilderungen aus der Sicht eines Jungen, der in die Fänge eines Geheimordens gerät, wirken sehr authentisch.


Aber nicht, weil ich selbst Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch gemacht hätte. Ich kenne psychischen Missbrauch, aber keine körperlichen Übergriffe. Die Authentizität meiner Geschichte kommt wohl daher, dass ich mit Opfern sprechen konnte. Ich habe mich wie bei den ersten beiden Schwarz-Krimis auch wieder mit Psychologen und Ärzten beraten.

Warum haben Sie diesen Krimi in kirchlichen Einrichtungen spielen lassen und nicht etwa an einem Internat nach dem Vorbild der Odenwaldschule?

Das hat mit meiner Herkunft zu tun. Ich stamme aus einer sehr katholischen Familie, die ihren Glauben in vielen Bereichen wirklich bewundernswert gelebt hat. Ich war ein sehr fleißiger Ministrant und lange Jahre in der katholischen Jugendarbeit aktiv. Ich habe sogar Theologie studiert, allerdings in einer Schmalspur-Version als Nebenfach im Magisterstudium. Die Religion war für mich Werteorientierung und Heimat. Nur, je besser man die katholische Kirche von innen kennen lernt, umso häufiger wird man mit Doppelmoral und Lebenslügen konfrontiert. Irgendwann habe ich diese Widersprüche nicht mehr ertragen. Obwohl ich heute nur noch losen Kontakt zur Kirche habe, bin ich aber nicht fertig mit ihr. Deswegen und für eine Reihe aufrechter Priester und Gläubiger musste ich ›Im Namen des Kreuzes‹ schreiben.

In ihrem Buch kommt auch ein Landpfarrer vor, der ein echter bayerischer Querschädel ist.

Ja, er verkörpert einen sehr sympathischen Katholizismus. Er nimmt, was in der Bibel steht, ernst und, was ihm sein Bischof befiehlt, nicht ganz so ernst.

Und es gibt sogar eine richtige Liebesgeschichte in ›Im Namen des Kreuzes‹

. Dazu möchte ich lieber noch nichts verraten.

Das Interview führte Kirim Schiller



INTERVIEW zu ›Personenschaden‹

›Personenschaden‹ ist Ihr zweiter Roman aus der Reihe ‹Schwarz ermittelt‹. Schließt er eigentlich direkt an ›Blinde Flecken an‹?

Ja, es gibt einen Link. Tim Burger, der Neonazi aus dem ersten Buch, spukt, auch noch nachdem er sich das Leben genommen hat, in ›Personenschaden‹ herum.

Versteht man die Handlung denn, wenn man den ersten Krimi nicht gelesen hat?

Aber sicher. ›Personenschaden‹ ist eine eigenständige Geschichte. Aber vielleicht ist die Handlung noch spannender, wenn man die Vorgeschichte kennt. Man kann ›Blinde Flecken‹ aber sogar nach ›Personenschaden‹ lesen.

Ihr Ermittler Anton Schwarz bekommt seinen Auftrag diesmal von einem Lokführer. Was war für Sie das Interessante an dem Stoff?

Der Auslöser war sicher der große Lokführerstreik, von dem wir alle irgendwie betroffen waren, und auch der geplante und in letzter Minute abgesagte, größenwahnsinnige Börsengang der Bahn. Aber die Welt der Eisenbahner hat mich schon viel früher interessiert. Ich bin an einer Eisenbahnersiedlung vorbei zur Schule gefahren und ich hatte immer den Eindruck, dass das ein ganz eigener Kosmos ist. Es gab ja nicht nur die Eisenbahnersportvereine, sondern auch Eisenbahnerärzte, -versicherungen und die Wohnungen. Für uns Jungen hatten die Eisenbahnerkinder ein Geheimnis. Die meisten wussten schon ganz früh, dass sie später mal zur Eisenbahn gehen würden.

Sie beschreiben eine Eisenbahnerfamilie mit drei Generationen?

Ja, und ich glaube, an dieser Familie kann man schön sehen, welche Entwicklung die Bahn in den letzten fünfzig Jahren genommen hat.

Ihr Bild des »Selbstmörders« ist ziemlich provokant?

Ich habe mit Lokführern und Psychologen gesprochen. Und je länger ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, umso weniger habe ich begriffen, wie weit Menschen in ihrer Verzweiflung und ihrem Lebensüberdruss gehen können. Offenbar spielt es für manche überhaupt keine Rolle mehr, dass sie unschuldige Menschen für ihren Selbstmord missbrauchen.

In ›Personenschaden‹ kommt auch ein Suizid-Forum im Internet vor. Gibt es so was wirklich?

Ja, leider, und nicht nur eines. Als ich mich dort angemeldet habe, dachte ich, ich traue meinen Augen nicht. Da haben Menschen allen Ernstes davon geschwärmt, was für eine Genugtuung es wäre, sich auf einem Kindergeburtstag unter lauten schönen und glücklichen Menschen in die Luft zu sprengen.

Haben Sie eigentlich keine Angst, dass Sie mit Ihrem Krimi Nachahmungstäter auf den Plan rufen?

Nein, weil ich ganz auf der Seite der Lokführer bin. Ich beschreibe ihr Leiden, ihre Verzweiflung, ihre Traumata.

Anton Schwarz hat ja schon in ›Blinde Flecken‹ eine ziemlich chaotische Familiengeschichte. Wie geht das in ›Personenschaden‹ weiter?

Es wird nicht einfacher für ihn. Zwar trennt er sich von seiner Frau, die ihn ja wirklich nicht gut behandelt hat. Und er hat eine Chance, sich nochmal zu verlieben und wieder glücklich zu werden. Aber ausgerechnet da steht seine Mutter auf der Matte und will in seine Wohnung einziehen, in ein Loft, in dem es nicht mal abgeschlossene Zimmer gibt.

Es bleibt also turbulent. Und wie geht es weiter? Haben Sie schon einen dritten Schwarz-Krimi in Arbeit? Und verraten Sie uns auch, worum es geht?

Ich bin sogar schon ziemlich weit. Diesmal kümmert Anton Schwarz sich um die Abgründe in der katholischen Kirche. Und davon gibt es ja nicht zu wenige.



INTERVIEW zu ›Blinde Flecken‹

Sie haben bisher fast ausschließlich fürs Fernsehen gearbeitet, für den Tatort oder den Polizeiruf 110 etwa – wie kamen Sie dazu, einen Kriminalroman zu schreiben?

Ich bin gelernter Drehbuchautor, das stimmt. Deshalb habe ich, als der dtv-Verleger Wolfgang Balk mich eingeladen hat, für ihn einen Krimi zu schreiben, erst auch gezögert.

Ist der Unterschied zwischen einem Drehbuch und einem Buchkrimi denn so groß?

Inhaltlich sicher nicht. Die meisten Tatorte erzählen spannende Geschichten, die etwas mit unserer sozialen Wirklichkeit zu tun haben. Aber Drehbücher arbeiten natürlich vor allem mit dem Dialog, während die genaue Beschreibung der Atmosphäre oder gar die Innenwelt einer Figur meistens keine große Rolle spielen. Gerade das und die Chance, meinen eigenen Ermittler zu erfinden, waren für mich bei den „Blinden Flecken“ ein großer Reiz.

Sie schreiben aber nicht zum ersten Mal Prosa?

Stimmt, ich habe zusammen mit meiner Frau „Taco und Kaninchen“, eine Krimi-Reihe für Kinder, veröffentlicht.

Die „Blinden Flecken“ gehen ja ziemlich heftig los. Ein junger Mann fährt mit seinem Geländewagen absichtlich in eine Gruppe Jugendlicher.

In eine Gruppe jüdischer Jugendlicher, genau gesagt.

Sie haben versucht, sich in die Gedanken eines jungen Neonazis hineinzuversetzen?

Das war eine echte Herausforderung, obwohl ich es durchs Drehbuchschreiben gewohnt bin, mich auch in die Gedankengänge der übelsten Mörder hineinzuversetzen. Zum Neonazi wird Tim Burger übrigens erst im Knast, aber schon sein Amoklauf speist sich aus einem diffusen Hass gegen alles Jüdische.

Ihr Ermittler, Anton Schwarz, ist auch Jude.

Das ist die Frage. Kann jemand, der in dem Bewusstsein aufgewachsen ist, seine Mutter sei eine Vertriebene aus dem Egerland, überhaupt ein Jude sein? Schwarz kennt weder jüdische Traditionen, noch die Religion. Als er endlich von der wahren Herkunft seiner Mutter erfährt, will er natürlich mehr über ihre Geschichte und das Jüdische an sich erfahren. Vielleicht kann man sagen, er ist als Jude noch ein Anfänger.

Wie die meisten Leser. Wie kommt es bei Ihnen zu diesem Interesse?

Ich stamme aus einer bayerischen, sehr katholischen Familie. Mein Vater war über achtzig, als er zum ersten Mal ausführlicher über seine Erfahrungen während der Nazizeit gesprochen hat, über seinen von ihm selbst provozierten Ausschluss aus der Hitlerjugend und über seine jüdische Tante und deren Tochter, die von München nach Kaunas deportiert und dort ermordet worden. Damit hat er nicht nur bei mir, sondern letztlich auch bei meiner Frau eine Spurensuche ausgelöst. Gemeinsam haben wir über Jahre hinweg die Geschichte des jüdischen Teils der Familie Fried recherchiert. Aus dieser Arbeit ist dann das Buch meiner Frau, „Schuhhaus Pallas – wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte“, entstanden.

Ihre Frau, Amelie Fried, spielt in Ihrer Arbeit offensichtlich eine wichtige Rolle. Sie leben mit ihr und den gemeinsamen Kindern in einem oberbayerischen Dorf. Das hört sich nach intakter Welt an. Ihr sympathischer Privatermittler Anton Schwarz hingegen ist eine ziemlich verkrachte Existenz.

Ich bilde in dem Krimi auch nicht mein Leben ab. Eher schon eine Möglichkeit meiner Biographie, zu der es durch einige Glücksfälle nicht gekommen ist. Ich kann mir aber gut vorstellen, wie einer wie Schwarz, der auch noch so alt ist wie ich, lebt und empfindet. Ich kenne aus meiner Zeit als Single die einsamen, nächtlichen Wanderungen durch die Stadt und eine wilde Sehnsucht, endlich nicht mehr allein zu sein. Und wenn es bei uns daheim mal wieder sehr turbulent zugeht, wünsche ich mir manchmal, ich könnte wie mein Ermittler morgens allein mein Frühstück genießen und in Ruhe die Zeitung lesen. Ich würde mir sicher schnell ein paar Marotten zulegen wie Anton Schwarz.

Ein Großteil der Handlung spielt entlang der Landsberger Straße in München. Trotzdem frage ich mich, ob „Blinde Flecken“ ein Heimatkrimi ist?


Ich kenne den Münchner Westen gut, weil ich dort aufgewachsen und zur Schule gegangen bin. Meine Eltern haben ihr Leben lang an der Landsberger Straße gearbeitet und gern betont, dass sie nicht im Rotlichtmilieu tätig sind – in München ist die Landsberger ja hauptsächlich wegen ihres Straßenstrichs bekannt. Trotzdem wollte ich diese Gegend nicht einfach abbilden und habe oft aus zwei Orten einen gemacht oder bestimmte Plätze aus anderen Stadtvierteln in den Münchner Westen verlegt. So sollte ein Raum für meinen Krimi entstehen, der authen-tisch, aber auch in anderen Städten vorstellbar ist, eine Straße und eine Gegend, die etwas vom wirklichen Leben erzählen und die man trotz aller Hässlichkeit lieb gewinnen kann.

Für einen Heimatkrimi bemüht „Blinde Flecken“ auch die üblichen Bayernklischees zu wenig.

Ein Ermittler in kurzen Lederhosen wäre tatsächlich ein anderes Genre. Ehrlich gesagt, ist mir mancher Heimatkrimi auch zu harmlos. Trotzdem gibt es in den „Blinden Flecken“ etwas sehr Bayerisches. Es ist das Dickschädlige und Querdenkerische, das ich an meiner Heimat sehr mag.

Wie geht es jetzt weiter? Hören Sie als Drehbuchautor auf?

Ganz bestimmt nicht. Ich schreibe gerade an einem Tatort für die Münchner Kommissare und bin sehr froh, dass ich in einem Bereich des Fernsehens arbeiten kann, in dem wirklich noch Inhalte zählen und auch heiße Eisen angepackt werden. Aber auch mit Anton Schwarz wird es weiter gehen. „Blinde Flecken“ ist der Auftakt einer Reihe mit Schwarz-Krimis, der zweite Roman ist in der Rohfassung fertig und ich glaube, er kann genauso unterhaltsam und spannend werden wie die „Blinden Flecken“.